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Wenn Arbeitslosigkeit krank macht

Fachtagung der LAG Arbeit in Kiel berät über Maßnahmen gegen die Langzeitarbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein

referenten
Die Referenten der Fachtagung (v.li.): Joscha Schwarzwälder, Bertelsmann Stiftung; Prof. Matthias Schmidt, Hochschule Zittau/Görlitz; Dr. Jean Hermanns, Fachklinik Rickling. (Fotos: AWO BA/Ehlers)

Kiel – Die Wirtschaft boomt, die Beschäftigungszahlen bewegen sich auf Rekordniveau, viele Branchen suchen nach Fachkräften – und dennoch gibt es viele Langzeitarbeitslose, die von der Entwicklung nicht profitieren können. „Wenn wir uns um Menschen kümmern, die vielfältige Probleme haben, benötigen wir einen langen Atem, um ihnen zu helfen. Es braucht Kreativität und Engagement aller Beteiligten. Und wir müssen lokale nachhaltige Wege suchen“,  erklärte Martin Meers, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit Schleswig-Holstein (LAG), einem Zusammenschluss von Beschäftigungs- und Qualifizierungsunternehmen, auf einer Fachtagung in Kiel. Unter dem Motto „Jetzt oder nie“ diskutierten Experten aus dem  Norden und Referenten über Aufgaben und Wege zur Integration von langzeitarbeitslosen Menschen in den ersten Arbeitsmarkt.

Zum Auftakt erläuterte Joscha Schwarzwälder von der Bertelsmann Stiftung, wie die Langzeiterwerbslosigkeit in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern der Europäischen Union zu bewerten ist. Der Referent zeigte zudem anhand von Beispielen auf, welche Lösungsansätze in den anderen EU-Staaten favorisiert werden. Dabei wurde deutlich, dass es keine Patentlösung für das Problem gibt, zumal auch die Statistiken unterscheidlich bewertet werden können.

Anschließend zeigte Dr. Jean Hermanns, Leitender Therapeut der Fachklinik Rickling, auf, wie Langzeitarbeitslosigkeit die Menschen krank machen kann. Dabei erläuterte er, dass Arbeitslose wegen psychischer Störungen bis zu sieben Mal häufiger ins Krankenhaus eingeliefert würden als Erwerbstätige. Depressionen treten 4,5-mal häufiger auf; dementsprechend werden deutlich mehr Antidepressiva verschrieben. „Arbeitslose haben ein geringeres psychisches Wohlbefinden und ein geringeres Vitalitätserleben. Außerdem zeigen sie bei sechs Indikatoren für die seelische Gesundheit signifikant schlechtere Werte“, berichtet der Diplom-Psychologe. Auf der anderen Seite gehören Arbeit und Beschäftigung zu den wichtigsten positiven Prognosefaktoren, wenn es um die Bekämpfung von Depression und Sucht geht.

Anschließend befasst sich Prof. Dr. Matthias Schmidt von der Hochschule Zittau/Görlitz mit den  Chancen auf Wiedereinstieg in Arbeit und den Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit auf die Beschäftigungsfähigkeit. Auch er zeigte auf, wie sehr Beruf und Arbeitsaufgaben wesentliche Grundlagen für die Entwicklung von Identität und Selbstwertgefühl bilden. Arbeitslosigkeit führt nicht nur zur materiellen Not, sondern bedingt auch den Wegfall des gewohnten Lebensrhythmus im Wechsel von Arbeit und Freizeit, erzeugt ein Gefühl von Handlungsohnmacht und fördert somit Zukunftsängste. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine „Dequalifizierung“. Wer länger arbeitslos ist, verliert auch seine bereits erworbenen Qualifikationen. Anhand eines Modellprojekts in Ostsachsen, zeigte Prof. Schmidt auf, wie eine Integration durch den kombinierten Einsatz von Beratung, Coaching, Training, Kompetenzentwicklung und Vermittlung gelingen kann.

Zum Abschluss stellte sich das Projekt „Land in Sicht im Kreis Plön GmbH“ vor, das ebenfalls auf kombinierte Maßnahmen setzt. Die vier Arbeits-und Beschäftigungsprojekte richten sich an Menschen, die in der Regel Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II (Grundsicherung für Arbeitsuchende) oder XII (Sozialhilfe) beziehen. Ziel der Maßnahmen ist es, die Teilnehmer des Projekts durch sinnstiftende Arbeit und Beratungen zu stabilisieren, ihnen Orientierungshilfen zu geben oder auch eine Langzeitbetreuung zu gewährleisten.

Weitere Infos über die LAG Arbeit unter www.lagsh.de.